Rassegeschichte

Rassegeschichte

Der Mensch hat sich andere Lebewesen nahezu von Beginn seiner Evolution an zu Nutze gemacht. Die Beziehung zwischen den Menschen und den Caniden ist wohl schon deshalb eine solch innige, weil sie eine der ältesten Freundschaften zwischen Mensch und Tier darstellt. Über viele Jahrhunderte hinweg bildete der Einsatz bei der Jagd und zum Schutz, später etwa auch von Schafherden, den eigentlichen Verwendungszweck des Hundes. Schon der prähistorische Mensch verewigte seinen treuen Vierbeiner in künstlerischer Form, ausgedrückt in den zahlreichen gefundenen Höhlenmalereien. Assyrer und Hethiter schufen wundervolle Reliefs von Löwenjagden, in denen Hunde einen zentralen Platz einnehmen. Seit Beginn des Mittelalters sind Hunde häufig in religiösen Darstellungen zu sehen, so erscheint Judas Ischarioth häufig mit einem Hund zu seinen George Faulkner Wetherbee: Schäferin mit Hund und Herde, 19. JahrhundertFüßen auf Abendmahlsgemälden.

In Darstellungen des Alltagslebens des Mittelalters, namentlich in den bekannten Stundenbüchern, finden sich mit Miniaturen der Jahreszeiten verzierte Kalender. Die “Très Riches Heures” des Duc de Berry etwa zeigen verschiedene Hunderassen, unter anderem auch, und da wird es für uns interessant, Hunde, die Schafe zusammentreiben.

In England und Schottland entstanden im 16. Jahrhundert Hütehunde, aus denen sich allmählich die Collies als hochgeschätzte Helfer der Schäfer entwickelten. Vor allem auf großflächigen, kargen Weiden wurden diese Hunde zum Sammeln der Tiere und die Betreuung und Pflege der Herde unentbehrlich. In einer damals noch in Lateinisch verfaßten Schrift “De Canibus Britannicus“ werden Mitte des 16. Jahrhunderts mittelgroße Hütehunde beschrieben, deren Führung durch den Schäfer und deren Arbeitsweise an der Schafherde an die heutigen Border Collies denken läßt. Seinen Ursprung hat der Border Collie im Schottischen Grenzgebiet (Border=Grenze). Die Herkunft und die Bedeutung des Wortes „Collie“ ist dagegen umstritten, wird aber vermehrt auf das gälische Wort “colley”, was nützlich bedeutet, zurückgeführt. Denkbar ist aber auch, dass das lateinische Wort “collaborare”, zusammenarbeiten, in Verbindung mit dem Begriff steht.

Der ursprüngliche Border Collie entwickelte sich zum überragenden Schafspezialisten und verdrängte auch weitgehend die anderen britischen Hütehunde aus ihrem Arbeitseinsatz. Die ersten vom Phänotyp an den heutigen Border Collie erinnernden Gemälde sind aus dem frühen 19. Jahrhundert bekannt. Künstler wie George Harvey, Arthur Hacker, Frank Paton oder George Faulkner Wetherbee zeigen diese Hunde auf ihren Bildern stets in Verbindung mit einer Schafherde. Auch Schriftsteller wie Harriet Beecher Stowe hatten den Hütehund zum Thema, wie folgende amüsante Passage beschreibt:

    “In den Bergen Schottlands gibt es eine Hunderasse, die sogenannten Schäferhunde, die mit ihrer langen Nase, den hohen Wangenknochen und ihrer bedächtigen Miene genauso aussehen wie die alten Schotten selbst…Ein alter Schotte erzählte uns von seinem Hund Hector, der, nachdem er ihm über Jahre bei Wind und Wetter zur Seite gestanden hatte, schließlich eine solche Ähnlichkeit mit ihm bekommen hatte, dass er den Hund eines Tages, als er selbst zu müde war, um in den Gottesdienst zu gehen, seinen Sitz in der Kirchenbank einnehmen ließ. Dem Pfarrer fiel nicht etwa der Schwindel auf, sondern er lobte ihn noch am nächsten Tag dafür, dass er der Predigt so aufmerksam gefolgt war.”
Seine nahen Verwandten, der größere meist langhaarige Collie, der sehr populär als TV-Star „Lassie“ wurde, und der bärtige Bearded Collie, als auch der größere Bobtail, wurden als Mode- und Schauhund entdeckt und haben so in kurzer Zeit ihreFrancois Pieter Ter Meulen: Schafe an einem Wintermorgen, 19. Jahrhundert Fähigkeiten als Arbeitshund weitgehend verloren. Als Stammvater der modernen Border Collies wird der 1893 geborene „Old Hemp“ angesehen, der wegen seiner überragenden Fähigkeit, Schafverhalten richtig einzuschätzen, als Zuchtrüde sehr begehrt war. Von ihm stammt auch die erste Fotografie, die einen Border Collie, wie wir ihn uns vorstellen, zeigt. Züchterischem Sachverstand und der glücklichen Hand seines Züchters Adam Telfer ist es zu verdanken, einen solch vortrefflichen Hund aus einer Paarung von Eltern erzielt zu haben, die beide von ihrer Veranlagung her völlig unterschiedlich waren. Roy, sein Vater, war wohl ein netter Hund, hatte aber kaum Talent zum Hüten. Seine Mutter, Meg, war das genaue Gegenteil, sie soll so hüteverrückt gewesen sein, dass sie sich selbst statt der Schaffe hypnotisiert hat. Es kam zu der glücklichen Synthese der unterschiedlichen Vorzüge seiner Eltern, während sich ihre Schwachpunkte nicht in de Welpen manifestierten. Züchterpech ist es hingegen, wenn genau das Gegenteil eintritt und der kleine Hund alle negativen Eigenschaften mitbekommt. Hemp wurde nur acht Jahre alt, zeugte aber immerhin etwa 400 Nachkommen, die seine herausragenden Fähigkeiten zu einem großen Teil mitbekamen.

Die Schaffarmer lernten, ihre unentbehrlichen Helfer, die Border Collies, mehr und mehr zu schätzen. Viele waren stolz auf ihre intelligenten und gehorsamen Hunde und setzten ihren Ehrgeiz daran, einen überragenden Hund auszubilden und zu besitzen.1873 wurde erstmals ein „Sheepdogtrial” in Bala (Wales) abgehalten, in dem die Hunde ihre Leistungen im Wettbewerb zu ihren Konkurrenten zeigen konnten. Diese Trials fanden in den folgenden Jahren immer häufiger und an verschiedenen Plätzen statt. Walter Helfer, der Bruder des Züchters von Old Hemp, war dabei der erste “English Trial Winner”. Für ihren Aufbau und ihre Bewertung der Aufgaben bildeten sich allmählich einheitliche Regeln heraus. Die einzigartigen Fähigkeiten der Border Collies und ihre Arbeitsweise an den Schafherden unter Wettkampfbedingungen beobachten zu können, gefällt vielen Leuten. So wurden die Veranstaltungen in England zunehmend populär. Sogar eine Fernsehserie „One Man and his dog“, die den sportlichen Hütehundewettkampf zum Inhalt hat, begeistert viele Zuschauer. Die Border Collies haben sich inzwischen über ihr Ursprungsgebiet hinaus weltweit verbreitet. Als unentbehrliche Schafarbeitshunde werden sie bei den Schafhaltern geschätzt. Auch der Trialsport, der ihre Arbeitsweise demonstriert, gewinnt in vielen Ländern außerhalb Englands immer mehr Freunde.

1906 wurde die ISDS (International Sheep Dog Society) in England gegründet. Diese Organisation führte ein Register für arbeitende Hunde ein, einziges Kriterium für die Aufnahme war die Hüteleistung. Die allgemeine Überzeugung war und ist, Arthur Hacker: Rückkehr von der Heuernte, 19. Jahrhundertdass ein Standard, der irgendwelche Körpermerkmale, sei es Körberbau, Haarlänge, Ohrenform oder Fellfarbe vorschreibt, einen verderblichen Einfluß auf das Zuchtziel – excellent arbeitende Hütehunde – haben würde. Erst 70 Jahre später, nachdem Border Collies auch außerhalb der Schafherde zunehmend beliebter wurden und auch zu anderen Zwecken gehalten und gezüchtet wurden, übernahm der Britische Kennel Club auch Border Collies in seine Obhut. Hier wurde ein Standard aufgestellt und die Hunde wurden zur Begutachtung im Schauring vorgeführt. Die ISDS arbeitet aber weiterhin unabhängig von diesen Zuchtverbänden und stellt für Border Collies mit ISDS- Abstammung die ISDS Papiere aus, ohne indessen im Einzelfall zu prüfen, ob jeder einzelne Hund noch typische Hüteeigenschaften besitzt. Ausgangspunkt für die Aufstellung eines Rassestandards seitens der Engländer war das Begehren der Australier, einen selbst entworfenen Standard vorzulegen und den Border Collie als australische Rasse anerkennen zu lassen, denn auch dort und im nicht weit entfernten Neuseeland hat der Border Collie eine lange Geschichte. Natürlich wollten es sich die Engländer nicht nehmen lassen, diese zweifelsfrei britische Rasse auch ihrem Ursprungsland zuschreiben zu lassen.

Mit der Aufstellung eines Rassestandards, der bewusst viel Spielraum für Interpretationsmöglichkeiten bietet, wurde der Border Collie, wie bereits angedeutet, als Schauhund entdeckt. Schon bald wurden vom Britischen Kennel Club sogenannte “CC’s” (Championship Certificates), Anwartschaften auf den Titel Schönheitschampion, auf Championship-Shows vergeben. Zunächst standen der Rasse nur wenige dieser Anwartschaften zu, mit dem steilen Anstieg der Meldezahlen wurden aber mehr und mehr zuerkannt. Es ist wohl nicht zu leugnen, dass mit dieser Anerkennung des Border Collie als Schauhund bei vielen Züchtern die oberste Priorität nicht mehr auf der Arbeitsfähigkeit, sondern mehr auf dem Phänotyp, dem äußeren Erscheinungsbild dieses Hundes, liegt. In den letzten Jahren wird der Border Collie, nicht nur in England, zunehmend von dem “australischen Typ” des Border Collie beeinflusst. Begonnen hat diese Entwicklung mit dem neuseeländischen Rüden “Clan Abby Blue Abberdoone”, der als erster Border Collie zurück “auf die Insel” geholt wurde. Dort deckte er über 100 Hündinnen und hatte sehr erfolgreichen Nachwuchs im Ausstellungsring. Gekennzeichnet sind die australischen Border Collies durch einen häufig sehr viel stärkeren Knochenbau und längeres Fell. Clan Abby Blue Abberdoone hatte somit annähernd einen ebenso großen Einfluss auf die Rasse heute wie Legenden wie etwa Wiston Cap oder Bosworth Coon. Besonders Wiston Cap (ISDS 31154), der 1963 geboren wurde, hatte unzählige Nachkommen, in den meisten Ahnentafeln heutiger Border Collies findet sich dieser Name. Er stammt aus den Linien, die J.M. Wilson züchtete, ein legendärer Züchter und auch Hundeführer auf Hütewettkämpfen. Einer seiner erfolgreichsten Hunde war Cap (ISDS 3036), der als Zuchtrüde 188 registrierte Nachkommen zeugte, etwa International Champion Mirk (ISDS 4438), ein herausragender Arbeitshund.

In den letzten 10-15 Jahren prägen mehr und mehr die auf Ausstellungen erfolgreichen Hunde die Rasse, ein deutliches Indiz dafür, dass die Wichtigkeit der Hütefähigkeit an Bedeutung verliert. Hier sind insbesondere solch bekannte Hunde wie SH CH Viber Travelling Matt of Corinlea, SH CH Cluff of Mobella, SH CH Melodor Flint of Dykebar oder auch Whenway Royal Highlander zu nennen, der in den letzten Jahren zahlreiche Hündinnen gedeckt hat. Dessen Vater, der zweifache International Supreme Champion Spot (ISDS 161819), darf mit etwa 500 Nachkommen ebenfalls zu den einflussreichen Hunden der Rasse Border Collie gezählt werden. Er ist einer der herausragenden Rüden, die großartige Arbeitsfähigkeit gepaart mit einem typvollen Äußeren vererben.

Der Border Collie in Deutschland

In Deutschland steht der Border Collie in engem Zusammenhang mit dem Namen Werner Kupka, der den ersten Hund dieser Rasse importierte. Auf sein Bestreben nahm der Club für Britische Hütehunde, der einzige zuchtbuchführende Verband dieser Rasse in Deutschland, seine Hündin “Farina of Helenenhof” 1981 ins Zuchtbuch auf.

Zu Beginn wurden lediglich schwarz-weiße und dreifarbige Hunde eingetragen, doch schon bald kam eine Vielzahl neuer Farbvarietäten hinzu. 1987 wurde die Arbeitsgemeinschaft Border Collie Deutschland gegründet, deren Anliegen der Erhalt des hütenden Border Collies ist. Zu diesem Zweck werden Ausbildungsseminare und Hütewettbewerbe (Trials) organisiert. 1994 stellte sich heraus, daß schon jetzt die Interessen der Züchter nicht mehr zur Hütearbeit eingesetzter und meist auch untauglicher Britischer Hütehunde nicht mit den Anliegen der Arbeitshundeidealisten in Einklang zu bringen waren. So wurde auf einstimmigen Beschluß der ABCD-Mitglieder ein eigenständiger Verein etabliert, der unabhängig von Züchterorganisationen sich nur dem Arbeitseinsatz der hütenden Border Collies widmet. Es bleibt zu hoffen, dass dem Nacheifern nach äußerlicher Schönheit dieser Tiere ihre Grundeigenschaft, das Hüten, nicht zum Opfer fällt.

Neben dem Helenenhof sind in Deutschland sicher noch die Zwinger ”mein Schäfergesell” oder auch “vom Beutenhof” als Zuchtstätten der ersten Stunde zu nennen. Etwas später hatten die Hunde aus den Zuchten von Meike Bockermann “vom Weideland” oder Eckhard Siebert “vom Birkenhof” großen Anteil an der Entwicklung der Rasse in Deutschland. Mittlerweile hat sich auch hier mehr und mehr der “Trend” etabliert, Hunde aus Australien oder Neuseeland zu importieren. Wie sich die Rasse hier weiter entwickeln wird, bleibt sicher sehr interessant zu beobachten.

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